Warten auf den Crash und was Real Madrid damit zu tun hat

Wer hat Angst vor Allzeithochs? Ich habe mich in den letzten Wochen wieder vermehrt ein paar Schlagzeilen gewidmet: “Der Crash wird kommen”, “Aktien sind so hoch wie nie”, “Wie lange dauert die Korrektur noch an?”.

Meine Schlagzeilen-Ausbeute war ziemlich fett. Über 50 “Angstmacher-Schlagzeilen” haben sich angesammelt.

Beispiel gefällig?

Hier:

Experten schlagen Alarm: Jetzt droht Finanzkrise wie 2008 (Focus Magazin, Januar 2018)

Hier:

Financial Times: Start preparing for the next financial crisis now (Februar 2018)

Und hier:

Vorsicht, Krise – darum fühlt sich 2018 wie 2008 an (Tages Anzeiger, Januar 2018)

Aber jetzt mal ehrlich, wer lässt sich denn bitte von dieser Angstmacherei beeindrucken?

Ich freue mich für Dich, wenn Du Dich ganz klar davon distanzieren kannst. Leider zeigt aber die Wissenschaft, dass der Einfluss der Psychologie auf die Geschehnisse am Finanzmarkt ein unglaubliches Ausmass haben. Psychologie und Finanzmärkte verschmelzen in der Wissenschaft zum Begriff “Behavioural Finance”. Und dieses Thema hat es in sich.

Bevor wir uns vertiefter mit diesem Begriff befassen, lass uns nochmals auf die Medien zurückschauen. In Anbetracht der hetzerischen Schlagzeilen missfällt mir vor allem die Art und Weise, wie diese Angstmacher-Titel platziert werden. Es scheint, als wären gewisse Medienhäuser sich nicht bewusst, welche Verantwortung sie tragen.

Wild mit dem Zeigefinger herumzufuchteln à la “Aufgepasst! Der nächste Crash kommt bestimmt” hat noch nie jemandem etwas gebracht.

Im Gegenteil, es verschlimmert die Situation der Unsicherheit noch und vermittelt vor allem eins: Wir alle haben Angst unser Geld zu verlieren. Doch was nicht schockiert, verkauft sich ja bekanntlich nicht.

Wann kommt der Crash? Frag den Fussballexperten

Soviel schon mal vorab, ich habe zwar eine glaskugelförmige Statue zuhause, aber die gibt mir leider keine Zukunftsprognosen ab. Ich kann Dir also schlicht und einfach nicht sagen, ob es einen Anlass gibt sich Sorgen zu machen.

Was ich dir aber sagen kann ist, dass Analysten und Fussballexperten sehr viel gemeinsam haben. Es gibt Millionen von Experten. Schau Dich mal um wenn Du das nächste Mal im Stadion sitzt. Ich habe immer mindestens 10 Experten um mich herum.

Was mich an diesem Vergleich fasziniert: Trader und Fussballexperten können immer ganz genau begründen warum etwas passiert. Fehlverhalten gilt es strikt zu unterbinden und “ich habe es ja schon immer gewusst” wird wohl in keinem Gebiet so fahrlässig verwendet wie in diesen beiden.

Wenn Du Dich fragst, ob ein Crash dieses Jahr realistisch ist, dann stelle Dir folgende Frage zuerst: Wer gewinnt dieses Jahr die Champions League? Na? Du weisst es nicht? Ach nein, welch’ eine Überraschung!

Was Real Madrid und ein Börsencrash gemeinsam haben

Real Madrid kann sich den 3. Champions League Titel in Folge holen (Stand 1. Mai 2018, 8:00 Uhr), was bisher in der Fussballgeschichte noch nie ein Team geschafft hat. In Bezug auf den Crash haben sich schon einige Finanzspezialisten dazu geäussert, dass es noch nie eine so lange Hochphase gegeben hat wie jetzt.

Na und? Dann ist die Phase halt lang? Wer sagt denn, dass sie nicht noch viel länger werden kann?

Real Madrid kann sich auch noch den 4. und 5. Titel in Folge sichern. Fakt ist, es läuft alles, wirklich alles auf die Psyche hinaus.

Die Wahrscheinlichkeit eines Crashs ist also so hoch wie jene, dass Real Madrid die Champions League gewinnt.

Die Fussballexperten sagen jetzt natürlich aha! Dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch! Was sie dabei jedoch ausser Acht lassen sind die siegesabhängigen Akteure. Insofern Cristiano Ronaldo sich verletzt, schrumpft die Wahrscheinlichkeit eines Sieges markant. Das Gleiche gilt für die Börse. Wenn die Stimmung positiv und euphorisch bleibt, steigen die Kurse weiter. Aber wenn einer hustet, dann schrecken alle auf. Dieses Hust-Szenario ist jeweils in den Medien an den Angstmacher-Schlagzeilen schön erkennbar.

Ich bin überzeugt, würden alle Teilnehmer an der Börse ein Mentaltraining absolvieren, so wie es Profifussballspieler tun, dann wäre die Börse weniger volatil.

Volatilität spiegelt neben vielen Käufen und Verkäufen nämlich auch andere Aspekte: Unsicherheit, Angst und Panik. Wohl kaum etwas kann geldtechnisch so verehrende Auswirkungen haben wie psychisches Fehlverhalten an der Börse.

Die Behavioural Finance oder scheiss auf den homo oeconomicus

Wie einleitend bereits erwähnt gibt es für die psychischen Fehlverhalten an der Börse einen zentralen Begriff: die Behavioural Finance. Hier eine Bemerkung am Rande: Die Amerikaner schreiben “behavior finance” und der Rest der Welt “behaviour”, deshalb habe ich mich für das extra “u” entschieden. 😉

Dieses Forschungsgebiet gehört zu den Wirtschaftswissenschaften, genauer in die Verhaltensökonomik und befasst sich damit, wie sich Anleger am Finanzmarkt verhalten. Das Besondere daran ist: “Sie widerspricht dabei klar dem Bild des Homo oeconomicus, der alles weiß und stets effizient und rational handelt. Stattdessen will sie aufzeigen, wie Anlageentscheidungen tatsächlich zustande kommen und welche Fehler Anleger dabei immer wieder typischerweise machen.” (Definition gemäss ARD Börse)

Wir können also an dieser Stelle endlich eine verstaubte Definition aus der Steinzeit-Wissenschaft im Bücherregal verstauen und uns vom homo oeconomicus verabschieden. Kurz: Scheiss auf den homo oeconomicus, es lebe die Behavioural Finance!

Der “all-time-high-bias”: Fehlverhalten bei Allzeithochs

Wenn wir uns nun konkreter dem Thema Crash oder Finanzkrise zuwenden, dann fällt im Beobachtungszeitraum vor der Krise zwangsläufig auch der Begriff Allzeithoch. Das Wort Allzeithoch wird verwendet, wenn Kurse, wie beispielsweise von Aktien, einen neuen Höchststand erreichen. Umgekehrt gibt es auch Allzeittiefs. Dies ist der Fall, wenn beispielsweise eine Aktie zu einem vorher nie erreichten Tiefstkurs notiert.

Im Bereich der Wirtschaftspsychologie gibt es sogar einen Fachbegriff für Allzeithoch-Stimmungen: der “all-time-high-bias”.

Dieses Wortkonstrukt besteht aus zwei zentralen Begriffen, nämlich aus Allzeithoch und dem Wort “bias”. In der Psychologie ist dies ein oft verwendetes Wort. Es geht dabei um Fehler bei der Informationsverarbeitung durch den Rückgriff auf Heuristiken (sog. Urteilsfehler).

Konkret: Unsere Psyche spielt uns ein Spiel. Denn durch diese Verzerrung kommt ein Fehlverhalten zustande. Die Psyche spielt verrückt und man fängt an sich zu ertappen bei Gedanken wie: Hach, die Börse ist so unglaublich hoch, dass ein Crash viel naheliegender ist als ein erneuter Anstieg, ich verkaufe jetzt alles und warte auf die nächste Korrektur.

Vertraue nur cocktailschlürfenden Analysten!

Die Analysten wissen ja bekanntlich genau, was Du mit Deinem Geld anstellen sollst. Aber ich muss Dir jetzt leider sagen, so schön die Analysen auch aufgearbeitet sind, ignoriere sie.

Aber warum dieser negative Ton? fragst Du Dich vielleicht.

Im letzten Jahr meines Studiums habe ich eine der wichtigsten Erkenntnisse für meine persönliche Sicht auf die Finanzwelt erlangt. Das war im Fach Wirtschaftspsychologie mit dem Schwerpunkthema Börsen- und Finanzmarktpsychologie.

Mal angenommen Du kennst einen Analysten oder einen Investmentbanker (oder Trader) bei einer Grossbank. Er beschäftigt sich tagein tagaus mit aktuellen Daten und Zahlen von Finanzmärkten. Kurzum: Er weiss Bescheid wie es läuft (oder er glaubt es zumindest).

WARUM? Verstehst Du was ich Dir sagen möchte?

Es gibt einfach keinerlei Sicherheit, was zukünftige Werte und Prognosen angeht. Glaube keinem, und damit meine ich wirklich keinem insofern er/sie nicht auf einer privaten Insel Cocktails schlürft.

Das worst-case Szenario

Wenn Du keinem glauben kannst hilft nur eins, das worst-case Szenario. Wie kannst Du also Dein Gewissen beruhigen, wenn alle um Dich herum wie die verrückten Hühner von einem Analysten zum nächsten rennen?

Mache ein worst-case Szenario für Dein Portfolio. Natürlich hoffe ich schwer, dass Du grundsätzlich auf alle Deine Anlagen nicht finanziell angewiesen bist, denn wenn das der Fall sein sollte, hast Du bereits Regel Nummer 1 der Geldanlage verletzt: Du darfst auf das investierte Geld nicht angewiesen sein.

Vielleicht ist es jetzt zu spät für eine Moralpredigt und Du hast bereits einen Teil Deines Vermögens (was später für ein Häusschen hinhalten soll) investiert mit dem Gedanken später darauf zurückgreifen zu können. Na gut. Trotzdem ist noch nichts verloren.

Mit einem worst-case-Szenario beruhigst Du immerhin Dein Gewissen.

Eine Anleitung für Dich: Gewappnet für den Börsenwahnsinn!

Wie bereits erwähnt hat das Geschehen an der Börse sehr viel mit Psychologie zu tun, weshalb ich Dir gerne nachfolgend meine drei wichtigsten Erkenntnisse im Zusammenhang mit Börsenpsychologie erläutern möchte. Wenn Du diese drei Schritte beherzigst, bist Du optimal gewappnet für den Börsenwahnsinn:

Erstens: Denke nach und sei kritisch! Hinterfrage alles und jeden

Wir neigen dazu, Fakten als gegeben zu betrachten nur, weil es eine “glaubwürdige” Person gesagt hat. Ich gebe Dir dazu das klassische Beispiel mit den akademischen Titeln. Wenn ein Prof. Dr. etwas behauptet, ist das nicht in Stein gemeisselt. Versuche auch diese Leute zu hinterfragen.

Zweitens: Was du liest beeinflusst Dich viel direkter als Du denkst

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Gratiszeitungen, aber versuche auch mal zur Abwechslung etwas Anspruchsvolleres wie beispielsweise die NZZ oder die Financial Times zu lesen. Ja ich weiss, dort hat es nicht so viele tolle Bilder aber glaub mir, Du tust damit Dir und Deinen Hirnzellen einen Gefallen.

Drittens: Theorien von gestern sind nicht unbedingt auch die Theorien von morgen

Das ist der absolute Klassiker im Studium. Ich frage mich seit dem ersten Semester, wann wir endlich anfangen umzudenken. Wo sind die Einsteins von heute? Warum hinterfragt niemand die theoretischen Modelle, obwohl wir alle früher oder später im Berufsleben erfahren müssen, dass sie nicht funktionieren und fehleranfällig sind? Lass Dir also nicht von verstaubten Theorien den Kopf verdrehen. Die Welt verändert sich rasant und Umdenken ist angesagt!

Zusammenfassung und Fazit: Warte nicht auf den Crash

Lass uns das kommende Jahr nicht weniger fröhlich aber etwas kritischer angehen. Es bringt nichts, wenn Du auf Angstmacher-Schlagzeilen vertraust und Dir von jedem Möchtegern-Prophezeier sagen lässt, welche Aktie jetzt unbedingt gekauft werden muss. Der Analyst weiss es selbst nicht, glaube mir.

Wir sind alle nicht unfehlbar und überhaupt, wer weiss denn schon was 2018 noch alles geschehen wird? Stand heute (1. Mai 2018 / 8:00 Uhr) müssen wir uns fragen, schafft Real Madrid das Wunder mit dem 3. Champions League Titel? Werden meine Aktien durch die Decke gehen? Wie lange dauert es noch bis zum Crash?

Niemand, wirklich niemand kann Dir zu diesem Zeitpunkt auf eine dieser Fragen eine klare Antwort liefern, so leid es mir tut. Der Champions League Titel wird in wenigen Tagen vergeben sein, und auch die Vorhersagen für den Crash 2018 haben mit dem 31.12 ein Ablaufdatum.

Warte also nicht auf den Crash sondern prüfe mittels einem worst-case-Szenario was schlimmstenfalls auf Dich zukommen könnte.

Dabei ist grundsätzlich eine wichtige Regel im Zusammenhang mit der Geldanlage zu befolgen: Sei nie auf das investierte Geld angewiesen.

Ich wünsche Dir ein lukratives Börsenjahr 2018!

Corinne Brecher

Dein Ziel ist meine Mission: Finanziell stark als Frau durch die Welt zu gehen hat mir unglaublich viele Türen geöffnet. "Wenn Du immer nur tust was Du schon kannst, bleibst Du immer das was Du schon bist."
In diesem Sinne: Lass' uns loslegen!
Corinne Brecher

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